„Ich selber wirken? Nein, ich will verstehen.“ Dieser Satz stammt von einer der anerkanntesten Denkerinnen der Geschichte, Hannah Arendt. Dieses von ihr bei einem Interview mit Günther Gaus getätigte Zitat ist zweifelsfrei nicht das bekannteste und auch nicht am häufigsten rezipierteste, es betont jedoch die Importanz der stoischen, neutralen Analyse bestehender Sachverhalte und die Wissenskreierung dadurch. Eine Kunst, die unter totalen Herrschaften nicht ausgelebt werden darf.
Wenn wir heute über den Totalitarismus reden, passiert es häufig, dass wir diesen mit den Autoritaismus auf dir selbe Stufe setzen. Aus Sicht Hannah Arendts wäre das ein fataler Fehler. Drei wesentliche Unterschiede, die die beiden Herrschaftsformen voneinander unterscheiden, werden nun genannt.
(Hinweis: Hannah Arendt redet sowohl vom Regime Stalin, als auch Hitler von totalen Herrschaften. Den einzigen Unterschied sieht sie darin, dass der Bolschewismus von einer revolutionären Partei mithilfe der Eliteformationen in eine Massenorganisation umgewandelt wurde und der Nationalsozialismus aus einer Massenbewegung, gestützt durch die gebündelte Anhängerschaft, erst danach seine Organisation entwickelte und die Eliteformationen etablierte)
1) Eine totale Herrschaft kann es nur unter einem Großreich geben- deshalb auch die Bemühungen Hitlers und Stalins (laut Arendt die ersten und bisher einzigen totalen Herrschaftssysteme) in den späten 1930ern und frühen 1940ern viele autarke und autonome Länder zu annektieren. Die Größe der Bevölkerung ist deshalb von solch wesentlicher Bedeutung, weil nur diese das System tragen kann- das was Hannah Arendt in ihrem Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ als Masse bezeichnet.
2) Die Masse differiert sich vom Mob des 19. Jahrhunderts dadurch, dass sie keine konkreten Ziele und politischen Visionen verfolgt, sondern nur blind die Befehlen des Führers befolgt. Echte Probleme, wie die im 20. Jahrhundert grassierende Arbeitslosigkeit oder die Verluste im Krieg, sollten nie den Anschein erwecken, vom Staatsapparat verursacht worden zu sein. „Schädlingen“, der „Feinden“ (im Nationalsozialismus Jüdinnen und Juden, im Bolschewismus die Bourgeoisie) wirft man den Mythos der Weltherrschaft vor . Nur wenn man diese beseitigt, kann die „normale Rasse“ zur Ruhe kommen und an der Macht teilhaben.
3) Das zu bekämpfte Volk/die zu bekämpfende Klasse sind keineswegs wirkliche Systemgegnerinnen und Kritiker. Im Gegenteil. Es ist eine von der Partei auserwählte Minderheit, die man (durch historisch gefälschte Beweismittel, wie z.B. die Protokolle von Zion, gestützt) auslöschen will. Die totale Herrschaft muss fluid sein, ständig in Bewegung, der Stillstand am Status-Quo würde den Zusammenbruch bedeuten.
4) Autoritäre Regierungssysteme sind, wie der Name schon verrät, hierarchisch gegliedert. Die Gesellschaft ist wie eine Pyramide aufgebaut, auf deren Spitze der Führer als externe Gewalt steht, unter ihm wieder andere Institutionen wie Großgrundbesitzer oder Adelige. Der Totalitarismus basiert auf einem vollkommen diametralen System: Die Gesellschaft besteht aus der Ideologie, verkörpert durch den Führer, und die Masse, die ihr gehorcht. Zwar gibt es Einheiten, die über die Umsetzung der Befehle wacht bzw. diese selbst exekutiert (wie z.B. die GESTAPO), diese sind jedoch nicht als hierarchisch gegliederte Organisationen zu betrachten, da sie keine Entscheidungsmacht über die Gesetze des Führers haben und im Regelfall auch nicht dessen Nachfolge bestimmen.
5) Der nächste Unterschied betrifft die Ausführungsgewalt. In vielen autoritären Systemen (wie in allen vom Kaiser oder König gelenkten Länder Europas) fällt diese der Armee zu (in Österreich-Ungarn, als Beispiel genannt, der k.k. Gendarmerie) und diese muss auch die Ordnung im Reich gewährleisten (Einschreiten bei Aufständen/Revolutionen). Der Totalitarismus wird von Polizeieinheiten getragen- das ist unter anderem deswegen so, weil sowohl Stalin, als auch Hitler dem Heer misstrauten (siehe „Röhm-Putsch“, Sturz des Kopfs der paramilitärischen SA, Ernst Röhm, nachdem er die Macht der SA ausbauen wollte, 1934). Andererseits besteht der Vorteil darin, dass sich die Lüge einer Weltverschwörung des Feindes besser durch die Gewaltübertragung an Polizeieinheiten aufrechterhalten lässt.
6) In autoritären Systemen wird Propaganda zur Einschüchterung anderer Länder genützt oder nur auf politischer Ebene auch wirklich umgesetzt. Im Totalitarismus dringen propagandistische Mittel in alle Lebensbereiche des Menschen ein- von der Arbeit, bis zum eigenen Haushalt. Zeigt diese keine Wirkung und führt nicht zum Gehorsam, kommt Terror zum Einsatz. Da alle Gesetze ausgehebelt sind und der Führer die vollste Verantwortung für die Gräueltaten übernimmt, werden Befehle auch leichter ausgeführt. Wo kein Gesetz, da auch keine Angst vor Strafen.
7) In der totalen Herrschaft wurde die Individualität komplett vernichtet. In den meisten autoritären System (vor allem in den modernen) war politische Organisation und die Bildung von Interessensvertretungen erlaubt. Im Totalitarismus fürchtet man sich vor jeder Struktur und vor der Entstehung von Gruppen. Die Masse gehorcht besser, wenn sie quer durchmischt ist, es ist auch viel schwerer so, sich gegen Missstände aufzuraffen. Deshalb ist auch vielen modernen Bolschewist:innen die Klassengesellschaft ein Dorn im Auge. Frei nach der Hegelschen Idee des Weltgeistes zählt die Bevölkerung nur als Ganzes und ist so leichter unter Schach zu halten. Spontaneität und freie Entfaltung sind aus dem Grund nicht erwünscht
Hannah Arendt meint, dass das Ziel totalitärer Bewegungen die totale Herrschaft ist. Wenn dieses Endstadium nicht erreicht wird, bleibt es ein protototalitäres Regime, oder wie Goebbels in seinen zahlreichen Tagebüchern betonte, bleibe es an der Oberfläche hängen, es konzentriere sich zu stark auf das eigene Volk und der Führer des Systems sei kein Weltrevolutionär (Arendt, 1955, S. 664). Jedoch muss betont werden, dass jede totalitäre Bewegung in eine totale Herrschaft umgewandelt werden kann. Vielleicht gilt uns das in heutigen Zeiten als Warnung. Also: Brav bleiben und Hannah Arendt lesen!